Definitionen nach DIN EN 12056-1

3. Begriffsbestimmungen


Die Festlegung einheitlicher Bezeichnungen und Fachbegriffe ist die wichtigste Voraussetzung für eine klare und eindeutige Sprachregelung, die technische Regeln zu verstehen hilft und Missverständnissen bei der Planung, der Herstellung und dem Betrieb von Entwässerungsanlagen vorbeugt.
Dies war bislang schon für nationale Regelungen notwendig, die in der Landessprache verfasst wurden. Umso wichtiger ist die eindeutige Bestimmung von Begriffen für Europäische Normen, die in verschiedenen Sprachen veröffentlicht werden. Ein Hauptthema bei der Erstellung der EN 12056 war denn auch die eindeutige Benennung der Fachbegriffe in den drei CEN-Sprachen deutsch, englisch und französisch und der Abgleich der drei Sprachfassungen der Norm. Dadurch sollten unterschiedliche Interpretationen der Texte in den verschiedenen Sprachfassungen vermieden werden.
Bei der Diskussion der Fachbegriffe zeigte sich jedoch auch, dass durch die unterschiedlichen vorhandenen Entwässerungssysteme und Installationsgewohnheiten in den europäischen Ländern nicht für jeden Begriff in einer Sprache auch entsprechende, eindeutige Begriffe in den anderen Sprachen gefunden werden konnten.
Es ist zu beachten, dass die in EN 12056 definierten Begriffe für die Anwendung dieser Norm gelten. Es ist durchaus möglich, dass hier definierte Begriffe in anderen Europäischen Normen anders definiert sind. Dies gilt z.B. für den Begriff Abwasser, der in EN 752 etwas anders definiert ist.
Eine weitergehende Einigung auf Symbole und Zeichen, wie sie uns aus der "alten" DIN 1986-1 vertraut sind, konnte für die Europäische Norm nicht erzielt werden. Diese Aufgabe bleibt einer möglichen Überarbeitung der Norm in einigen Jahren vorbehalten.
Deshalb wurden in DIN 1986-100 die bekannten Symbole und Zeichen aus DIN 1986-1 übernommen und auch wieder Systemzeichnungen typischer Entwässerungsanlagen dargestellt.
Wegen der Komplexität im Zusammenwirken der verschiedenen Anlagenteile und -systeme einer Entwässerungsanlage empfiehlt es sich, beim Lesen der Erläuterungen das Bild 1 "Schema der Entwässerungsanlage mit Darstellung von Rohrleitungen und Lüftungssystemen" in DIN 1986-100 mit zu betrachten.

3.1. Allgemeines

Unter diesem Abschnitt sind die allgemeinen Begriffe der Entwässerungstechnik zusammengefasst.

3.1.1 Abwasser

Bezüglich der Qualität des Abwassers und dessen Inhaltsstoffen wird auf DIN 1986-3 verwiesen. Zu beachten sind schließlich die Abwassersatzungen der Kommunen und die festgelegten Einleitbedingungen.

3.1.2 Häusliches Abwasser

Zum häuslichen Abwasser gehört auch das Abwasser aus Wasch- und Toilettenanlagen in Hotels, Bürohäusern, Gewerbe- und Industriebetrieben.

3.1.3 Industrielles Abwasser

Der Begriff beinhaltet auch das gewerbliche Abwasser. Er wurde so aus dem Englischen übernommen, weil es einen Begriff für gewerbliches Abwasser im Englischen nicht gibt.

3.1.4 Grauwasser

Dieser Begriff ist bislang im Deutschen nicht üblich. Er stellt die direkte Übersetzung des englischen Begriffes "grey water" dar. Darunter sind die fäkalienfreien Abwässer aus Küchen, Waschanlagen und Bädern (Bade- und Duschwanne, Waschbecken, Bidet etc.) zu verstehen.

3.1.5 Schwarzwasser

Dieser Begriff ist ebenfalls direkt aus dem Englischen "black water" übersetzt und bezeichnet fäkalienhaltiges Abwasser aus Klosett- und Urinalanlagen.

3.1.6 Regenwasser

Regenwasser schließt das aus dem natürlichen Niederschlag resultierende Oberflächenwasser ein, wenn dieses in die Entwässerungsanlage gelangt und vorher nicht durch planmäßige betriebliche Prozesse verunreinigt bzw. kontaminiert wurde.

3.1.7 Rückstauebene

Die Kenntnis und Beachtung der Rückstauebene in Bezug auf die Entwässerungsanlage eines Gebäudes sind von entscheidender Bedeutung, um Überflutungen und Wasserschäden im Gebäude, insbesondere bei Starkregenereignissen, wirksam vermeiden zu helfen.

3.1.8 Entwässerungsanlage

Die Entwässerungsanlage ist als bauliche Anlage zu verstehen, die nicht nur, aber vor allem unter die Regelungen der Landesbauordnungen fällt. Der Begriff Schwerkraftentwässerungsanlage hat sich im Zuge der Normungsarbeiten durchgesetzt, obgleich er im Deutschen ein bislang nicht gebräuchlicher und obendrein schwerfälliger Begriff ist. Er grenzt solche Anlagen von Entwässerungsanlagen ab, die planmäßig mit Überdruck (Pumpanlagen) oder Unterdruck (Vakuumentwässerung) betrieben werden. Eine Abwasserhebeanlage ist Teil einer Schwerkraftentwässerungsanlage, wenn sie das Abwasser fördert, welches unterhalb der Rückstauebene anfällt.

3.1.9 Mischsystem

Mischsysteme, also Entwässerungsleitungen, die sowohl Schmutzwasser als auch Regenwasser transportieren, sind in Deutschland weit verbreitet. Sie sind in der Regel kostengünstiger herzustellen als Trennsysteme, haben aber bezüglich des Betriebes, der Rückstausicherung und des Kläranlagenbetriebes auch Nachteile. Innerhalb eines Gebäudes sind Schmutzwasserleitungen immer getrennt von den Regenwasserleitungen zu führen.

3.1.10 Trennsystem

Bei Trennsystemen entfällt in der Regel die Rückstausicherung der Ablaufstellen, die im Gebäude unter der Rückstauebene liegen. Das Regenwasser kann direkt dem Vorfluter oder der Versickerung zugeführt werden. Die Schmutzwasserkanäle können im Trennsystem kleiner dimensioniert und damit hydraulisch günstiger ausgeführt werden.

3.2 Rohre und Formstücke

In diesem Abschnitt sind Begriffe definiert, die im Zusammenhang mit Abwasserrohren und den zugehörigen Formstücken verwendet werden.

3.2.1 Sanitärinstallation

In Sinne der Norm wird unter diesem Begriff insbesondere die Installation der Abwasserleitungen bestehend aus Rohren, Formstücken, Dichtungen und Befestigungsmittel, einschließlich der zugehörigen Lüftungsleitungen verstanden. Im Deutschen werden darunter auch die angeschlossenen Sanitär Ausstattungsgegenstände verstanden. Dies ist jedoch nicht im Sinne der Norm.

3.2.2 Nennweite (ON)

In Europäischen Normen wird in ON/GD, was die Nennweite bezogen auf den Außendurchmesser (outside giameter) kennzeichnet, und in DN/ID, bezogen auf den Innendurchmesser (inside giameter) unterschieden. Die entsprechenden Nennweiten sind in DIN EN 476:1997-08 in den Tabellen 1 und 2 gelistet. Betrachtet man diese Tabellen, so fällt auf, dass es gleich lautende Nennweiten in Bezug auf Außen- und Innendurchmesser gibt, z.B. ON/GD 50 und DN/ID 50. Klare Unterscheidungsmerkmale sind nicht gegeben, lediglich sind für die Innendurchmesser Grenzabmaße bezogen auf Nennweitenbereiche festgelegt. Der Verwirrung ist damit bedauerlicherweise Tür und Tor geöffnet.

3.2.3 Innendurchmesser (di)

Der Innendurchmesser ist hydraulisch von besonderer Bedeutung und maßgebend für die Dimensionierung von Abwasserleitungen. Bei gleicher Nennweite ON/GD ergeben sich werkstoffspezifisch - infolge unterschiedlicher Wanddicken - durchaus unterschiedliche Innendurchmesser, die bei einer genauen hydraulischen Berechnung zu berücksichtigen sind. Grenzabmaße für die Innendurchmesser von Abwasserrohren sind in DIN EN 476:1997-08 bezogen auf Nennweitenbereiche unabhängig vom Werkstoff festgelegt. Diese Festlegungen sollten bei der Erstellung von werkstoffspezifischen Europäischen Normen für Abwasserrohre und Formstücke beachtet werden.

3.2.4 Außendurchmesser (da)

Die in DIN EN 476 festgelegten Grenzabmaße können auch auf die Außendurchmesser ON/GD angewendet werden.

3.2.5 Mindestinnendurchmesser (di min)

Die Mindestinnnendurchmesser sind werkstoffspezifisch unterschiedlich und müssen bei einer genaueren Berechnung entsprechend dem Werkstoff der auszuführenden Abwasserleitungen berücksichtigt werden.

3.2.6 Anschlussleitung

Die Unterscheidung in Einzelanschlussleitung und Sammelanschlussleitung ist in anderen Ländern Europas nicht üblich, weshalb man sich auf den Begriff Anschlussleitung geeinigt hat, die einen einzigen Entwässerungsgegenstand oder auch mehrere an die Fallleitung oder an die Grundleitung bzw. die Sammelleitung anschließt.

3.4.1 Einzelanschlussleitung DIN 1986-100

Sie schließt einen Entwässerungsgegenstand mit Geruchverschluss an die Fallleitung oder Sammel- oder Grundleitung an.

3.4.2 Sammelanschlussleitung DIN 1986-100

Wie bereits unter Abschnitt 3.2.6 erwähnt, wurde dieser Begriff nicht in die EN 12056 übernommen, sondern lediglich der Begriff Anschlussleitung. Wegen besonderer Planungs- und Ausführungskriterien erscheint es richtig, diesen in der deutschen Fachsprache bewährten Begriff beizubehalten.

3.2.7 Abzweig

Abzweige sind Formstücke, die zwei oder drei Leitungen - in Fließrichtung gesehen - zusammenführen. Diese können gleiche oder auch unterschiedliche Nennweiten haben.

3.2.8 Abzweig mit Innenradius

Formstück mit besonders strömungsgünstiger Ausbildung des Abzweiges.

3.2.9 Anschlussstutzen/-bogen

Formstücke, die dem Anschluss der Entwässerungsgegenstände an die fest installierte Anschlussleitung dienen. Anschlussstutzen sind gerade Formstücke, Anschlussbögen sind winkelartige Formstücke mit Winkeln von 15°, 30°, 45° oder 90° zwischen Zu- und Abflussseite. So genannte flexible Anschlussstücke lassen unterschiedliche Winkel und seitlichen Versatz zwischen Ablaufstutzen des Entwässerungsgegenstandes und der Anschlussleitung zu. An Anschlussstücke für Urinal- und Klosettbecken werden baurechliche Anforderungen bezüglich des Verwendbarkeitsnachweises gestellt.

3.2.10 Schmutzwasserfallleitung

Eine Schmutzwasserfallleitung ist eine senkrecht verlaufende Abwasserleitung, die in der Regel länger als 3,0 m ist und Schmutzwasser abführt. Sie beginnt mit dem obersten (höchst gelegenen) Abzweig zur Anschlussleitung und endet mit der Umlenkung in die Sammel- bzw. Grundleitung. Sie wird oberhalb des obersten Abzweigs für die Anschlussleitung als Lüftungsleitung i.d.R. über Dach fortgeführt. Die Aufgabe der Schmutzwasser- wie auch der Regenwasserfallleitung ist es, das Abwasser (auch Regenwasser ist Abwasser, wenn es gesammelt und abgeleitet wird) möglichst in durchgehend vertikaler Leitung durch die Geschosse hindurch der Sammel- oder Grundleitung zuzuführen. Beide Leitungen haben Abwasser und Luft zu transportieren und sollten wegen der in der Fallleitung auftretenden Druckschwankungen möglichst ohne Verziehung nach unten geführt werden.

3.2.11 Fallleitungsverzug

Auch beim Hauptlüftungssystem mit über Dach be- und entlüfteten Fallleitungen zur Ausführung lassen sich aus Gründen der Gebäudekonstruktion und Nutzung (Tordurchfahrten, Läden usw.) Verziehungen der senkrecht verlaufenden Fallleitung nicht immer vermeiden. Die Verziehung ist unter Beachtung der Regeln von DIN EN 12056-2 und DIN 1986-100 auszuführen. In bestimmten Fällen müssen der am Beginn der Verziehung entstehende Überdruck und der auf der ablaufenden Seite (Übergang zur weiterführenden Fallleitung) entstehende Unterdruck durch die Installation einer Umgehungsleitung so ausgeglichen werden, dass das Sperrwasser der im Geschoss oberhalb der Verziehung installierten Entwässerungsgegenstände weder abgesaugt noch herausgedrückt wird.

3.2.12 Grundleitung

Die Grundleitung im Sinne von EN 12056 ist sowohl die - erdverlegte Grundleitung - als auch die - im Gebäude freiliegende - Sammelleitung im Sinne von DIN 1986-1 (alt). Dieser Begriff wurde wiederum mit Rücksicht auf andere Länder, die unsere Unterscheidung in Grund- und Sammelleitung nicht kennen, so festgelegt.

3.2 Grundleitung DIN 1986-100

Die Grundleitung nach DIN 1986-100 ist die private auf dem Grundstück im Erdreich außerhalb des Gebäudes und innerhalb der Umfassungsmauern des Gebäudes unterhalb der Bauwerkssohle oder in der Grundplatte verlegte Abwasserleitung. Die Grundleitung erfasst alles auf dem Grundstück anfallende Abwasser aus den Entwässerungsgegenständen innerhalb und außerhalb des Gebäudes und leitet es

  • dem Schmutz-, Regen- oder Mischwasseranschlusskanal (Indirekteinleiter), je nach Abwasserinhaltsstoffen vorbehandelt oder unbehandelt, oder
  • einer privaten Kläranlage mit Einleitung in ein oberirdisches Gewässer oder in den Untergrund und somit in das Grundwasser (Direkteinleiter) oder
  • im Falle von Regenwasser als Direkteinleiter unmittelbar dem Vorfluter zu.

Bezüglich der Ausführung der Grundleitung außerhalb der Umfassungsmauern des Gebäudes ist DIN EN 752 anzuwenden.

Nach DIN 1986-100, 8.3.5 kann bei Anschlussleitungen in der Grundplatte von der für Grundleitungen erforderlichen Mindestnennweite abgewichen werden. Das Kriterium für die Abweichung ist bei Anschlussleitungen das nach Abschnitt 8.3.2.2, Tabelle 5 festgelegte Maß für die Länge unbelüfteter Anschlussleitungen.

Berücksichtigt man die teilweise kontroverse Diskussion um die wiederkehrenden Prüfungen von Grundleitungen, die aber letztlich im Interesse eines vorbeugenden Boden- und Gewässerschutzes notwendig sind, macht es schon Sinn, im Gebäude auf eine Grundleitung zu verzichten und stattdessen Sammelleitungen zu verlegen. Diese Leitungen sind wesentlich einfacher zu überwachen und ggf. instand zu setzen. Obwohl die Norm die Verlegung von Grundleitungen weiterhin zulässt, sollte unterhalb eines unterkellerten Gebäudes auf die Verlegung einer Grundleitung verzichtet werden. Stattdessen sollte eine Sammelleitung im Kellergeschoss geführt oder alternativ im Rohrkanal im Kellerfußboden - wie von der Stadt Köln grundsätzlich gefordert wurde - angestrebt werden.

3.1 Anschlusskanal DIN 1986-100

Der Anschlusskanal, in DIN 2425-4² auch "Hausanschlussleitung" genannt, ist die Leitung, die die Grundstücksentwässerungsanlage mit der öffentlichen Abwasseranlage verbindet. Die Eigentumsverhältnisse an dieser Leitung sind in den einzelnen Kommunen in den jeweiligen Abwassergesetzen oder Ortssatzungen unterschiedlich geregelt. Durchmesser, Lage, Tiefe und Gefälle richten sich nach den kanalbetriebstechnischen und den sich aus der Abwasserableitung des Grundstückes ergebenden Anforderungen und sind deshalb vor Herstellung rechtzeitig mit der zuständigen Behörde abzustimmen.

Eine klare Regelung liegt vor, wenn der Anschlusskanal Bestandteil der öffentlichen Abwasseranlage ist, im öffentlichen Weggrund liegt und an der Grundstücksgrenze endet. Der kommunale Entwässerungsbetrieb bestimmt die Mindestnennweite (z.B. ON 150) und verlegt im Fall des Kanalneubaus - oder bei Bedarf nachträglich - den Anschlusskanal. Auf dem Grundstück wird dann die (private) Grundstücksentwässerungsanlage mit einem Übergabeschacht (DN 1000) an der Grundstücksgrenze an die öffentliche Anlage angeschlossen. Sofern der Übergabeschacht mit geschlossener Rohrdurchführung erstellt wird, ist das Reinigungsrohr in der Nennweite des Anschlusskanals auszuführen, damit für die Wasserdichtheitsprüfung eine Blase eingeführt werden kann. Der vorhandene Anschlusskanal ist auch bei Um- oder Neubauten wieder zu benutzen. Veränderungen in diesem Bereich gehen zu Lasten des Antragstellers.

Alle anderen Lösungen, in denen der Anschlusskanal als Teil der Grundstücksentwässerung, nach Teil 2 bemessen, angesehen wird und als private Leitung im öffentlichen Weggrund (Sondernutzung des öffentlichen Grundes) liegt, sind zwar technisch möglich, bergen aber Gefahren in der Unterhaltung dieser Leitung in sich. Auch lassen Gemeinden die Herstellung des Anschlusskanals als private Leitung durch Fachbetriebe zu, bestimmen aber die Nennweite.

3.3. Sammelleitung DIN 1986-100

Diese Leitungsart wurde früher auch als "hochliegende Grundleitung" bezeichnet. Sie ist frei zugänglich und liegt im Gebäude oberhalb der Kellersohle oder alternativ im Rohrkanal im Kellerfußboden. Insbesondere bei Bauvorhaben auf setzungsempfindlichem Untergrund sollte der Einbau einer Sammelleitung anstelle einer Grundleitung genau erwogen werden, um das Risiko von Gefälleänderungen und ggf. Rohrbrüchen infolge von ungleichmäßigen Setzungen zu vermeiden. Nach DIN 1986-100 Bild 1 und Abschnitt 8.3.5 können Sammelanschlussleitungen von ihrer Funktion her in der Grundplatte verlegt und nach Abschnitt 8.3.2.2, Tabelle 5 als solche bemessen werden.

3.2.13 Füllungsgrad

Der Füllungsgrad kennzeichnet das Verhältnis der vom abfließenden Wasser eingestauten Querschnittshöhe zur Gesamthöhe des freien, inneren Querschnitts im Betriebszustand einer Abwasserleitung. Schmutzwasserleitungen werden auf Füllungsgrade bis h/dj =0,7 bemessen, um noch ausreichend freien Querschnitt für den notwendigen Lufttransport sicherzustellen. Die ausreichende Be- und Entlüftung ist erforderlich, damit die Geruchverschlüsse der angeschlossenen Entwässerungsgegenstände nicht abgesaugt werden und so Kanalgase in den Raum gelangen. Planmäßig zu geringe Füllungsgrade beeinträchtigen die Selbstreinigungsfähigkeit der Leitung und sind deshalb zu vermeiden. Regenwasserleitungen dürfen auch planmäßig vollgefüllt betrieben werden, also mit einem Füllungsgrad 1,0, weil hier die Belüftung unterbrochen werden darf.

3.3 Lüftungsleitungen

Lüftungsleitungen führen kein Abwasser, allenfalls Kondenswasser, sondern die zur Be- und Entlüftung der Entwässerungsleitungen zum Abbau von Druckschwankungen notwendige Luft. Sie sind damit Bestandteil einer Entwässerungsanlage und aus Werkstoffen nach DIN 1986-4 auszuführen. Als Lüftungssystem sind die Lüftungsleitungen und die wasserführenden Leitungen bis hin zum Geruchverschluss des entferntesten Entwässerungsgegenstandes insgesamt zu betrachten, zu planen und auszuführen. Die Wahl des im Einzelfall zur Anwendung kommenden Systems oder einer Kombination verschiedener Lüftungssysteme ist abhängig von der Gebäudeart, der geplanten Entwässerungsanlage oder bei nachträglichen Installationen auch von den vorhandenen bautechnischen und baulichen Gegebenheiten. Für Regenwasserleitungen sind die Begriffsbestimmungen für Lüftungsleitungen und -systeme nicht anwendbar, da die Luft über die offenen Dach oder Balkonabläufe mit dem Regenwasser gemeinsam abgeführt (mitgerissen) wird und damit eine Entlüftung entfällt. An Regenwasserfallleitungen werden auch keine Abläufe mit Geruchverschluss angeschlossen.

3.3.1 Lüftungsrohr

Im weitesten Sinne ist dieser Begriff gleichzusetzen mit Lüftungsleitung, hergestellt aus Rohren, Formstücken, Dichtungen und Befestigungen.

3.3.2 Belüftung

Diese kann als Umlüftung oder Nebenlüftung ausgeführt werden.

3.3.3 Hauptlüftung

Die Hauptlüftung ist die in Deutschland wichtigste und zugleich vorgeschriebene Lüftungsart für Entwässerungsanlagen von Gebäuden. Auf sie darf nicht verzichtet werden. Zusätzliche Lüftungsarten sind in Abhängigkeit der baulichen Gegebenheiten und der hydraulischen Notwendigkeiten auszuführen.

3.3.4 Sekundärlüftungsleitung

Diese Art der Be- und Entlüftung von Entwässerungsanlagen stellt eine der zusätzlichen Möglichkeiten zur Hauptlüftung dar.

3.3.5 Belüftungsventil

Belüftungsventile, die eine Belüftung von Leitungsabschnitten ermöglichen, nicht jedoch die Entlüftung einer Schmutzwasserfallleitung, sind aus diesem Grund als Ersatz für die über Dach gezogene Hauptlüftung völlig ungeeignet. Nachweislich ihrer dauerhaften, funktionellen Eignung - in Deutschland wird eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung als Verwendbarkeitsnachweis gefordert - können sie jedoch als zusätzliche Belüftungsmaßnahme entsprechend DIN 1986-100 verwendet werden.

3.4 Entwässerungsgegenstände

Entwässerungsgegenstände haben je nach Verwendungszweck unterschiedliche Funktionen. Ihnen gemeinsam ist die Aufgabe, das anfallende Schmutz- und Regenwasser aufzufangen und an die Entwässerungsleitung weiterzuleiten. Im Falle von Entwässerungsgegenständen im Gebäude dürfen dabei keine Kanalgase aus der Entwässerungsanlage austreten. Dies wird durch die Verwendung von wassergefüllten Geruchverschlüssen im Entwässerungsgegenstand oder unmittelbar an der Anschlussleitung erreicht.

3.4.1 Häusliche Entwässerungsgegenstände

Ohne Kommentar

3.4.2 Gewerbliche Entwässerungsgegenstände

Hierzu zählen auch spezielle Ablaufgarnituren für Wasser aus Ab- und Überläufen von Apparaten und Armaturen, wie Rohrbelüfter in Trinkwasserinstallationen, Überdruckventile in Heizungsanlagen.

3.4.3 Bodenablauf

In der deutschen Fachsprache wird in Deckenabläufe, Badabläufe, Kellerabläufe und Dachabläufe unterschieden. Während Decken-, Bad- und Kellerabläufe jeweils Geruchverschlüsse haben, weil sie im Gebäude an Schmutzwasserleitungen angeschlossen sind, sind Dach- und Balkonabläufe, die der Regenentwässerung dienen, ohne Geruchverschluss ausgeführt. Lediglich Balkonabläufe werden bei Mischsystemen auch mit Geruchverschluss eingebaut, um die Bewohner vor übel riechenden Kanalgasen zu schützen. Hierbei ist jedoch die Einwirkung von Frost im Winter zu beachten.

3.4.4 Geruchverschluss

Der wassergefüllte Geruchverschluss mit einer definierten "Sperrwasservorlage" hat sich als "hydraulischer Abschlusskörper" gegenüber der Entwässerungsanlage zur Verhinderung des Austretens von Kanalgasen bestens bewährt. Er ist dauerhaft funktionssicher, ermöglicht jederzeit das Abfließen von geringen, wie auch von großen Mengen Abwasser einschließlich der bei ordnungsgemäßer Nutzung anfallenden Feststoffe und ist sehr wartungsarm. Er wird vorwiegend als Röhren-, Flaschen- oder Glockengeruchverschluss konstruiert und überall in der Welt verwendet.

3.4.5 Geruchverschlusshöhe (H)

Die Geruchverschlusshöhe, auch Sperrwasserhöhe genannt, wird fälschlicherweise immer wieder als die Gesamthöhe der Wassersäule im Geruchverschluss angenommen, was jedoch falsch ist. Sie ist nur die Höhe der Wassersäule, die das Austreten von Abwassergasen verhindert. Die Einhaltung der geforderten Mindestgeruchverschlusshöhe nach DIN EN 12056-2, 5.4 bzw. DIN 1986-100, 7.2 ist zwingende Voraussetzung für die Vermeidung von Geruchsbelästigungen in Gebäuden durch austretende Abwasser und Kanalgase.

 
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